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Den Wächter trifft es zuerst
Die Uni-Frauenklinik geht neuen Weg in der operativen Brustkrebs-Therapie Zu den vielen mit einer Brustkrebs-Operation verbundenen Ängsten gehört auch die Furcht vor Komplikationen und bleibenden Folgen der Entfernung der Lymphdrüsen im Achselbereich. Das "Wächterlymphknoten-Verfahren" macht diese Angst gegenstandslos.
Im Sommer 2002 hat die Tübinger Universitäts-Frauenklinik als erste und bislang einzige im Land auf dieses schonende Verfahren in der Routine-Therapie umgestellt, zwar noch nicht ausschließlich, aber als Ergänzungsmethode. Klinikchef Prof. Diethelm Wallwiener: Keine Probleme mehr mit irgendwelchen Behinderungen durch Bewegungseinschränkung des Arms, keine Gefühlsstörungen durch zerstörte kleine Hautnerven, keine Lymphödeme und keinen Lymphstau mehr, die Frauen können sehr bald wieder wie vorher ihren Sport betreiben.
Bisher: Lymphknoten raus
Die so genannte "axilläre Lymphonodektomie", die Entfernung der Lymphknoten im Bereich der Achselhöhle bis zu zwanzig und mehr wird bei der Operation von Mammakarzinomen allen Frauen zuteil, da man im Voraus nicht weiß, ob die Lymphknoten frei oder bereits vom Krebszellen befallen sind. Darunter können, je nach Lage des bösartigen Tumors, auch Lymphknoten sein, die den Arm versorgen, was dann zu den gefürchteten Komplikationen und Bewegungseinschränkungen des Arms führt.
Lymphknoten sind in den Lymphbahnen zwischengeschaltete "Filter", bohnenförmige Organe, die aus der Lymphe alles abfangen, was darin nichts zu suchen hat: Gifte, Erreger, Zellfragmente, gegebenenfalls auch Brustkrebszellen, die mit der Lymphe ausgewandert sind. Frauen mit krebsbefallenen Lymphknoten profitieren von der Entfernung im Sinne einer lokalen Tumorkontrolle und Verringerung des Krebsgewebes. Doch Frauen, deren Lymphknotenbefund sich als negativ, also gesund erweist (und deren Zahl steigt, weil immer mehr der bösartigen Brusttumoren in einem frühen Stadium entdeckt werden), unterziehen sich dem axillären Eingriff nur, um zu erfahren, dass die Knoten nicht belastet sind.
Jetzt: Der Erste ist entscheidend
Das Wächterlymphknoten-Verfahren basiert nun auf der Überlegung, dass die Lymphdrainage linear in den Lymphbahnen erfolgt und damit die erste Lymphknotengruppe im Abflusssystem des bösartigen Tumors auch die erste sein muss, die befallen ist. Es geht also darum, diese erste Gruppe auf der Lymphknotenspur, die so genannte Wächterlymphknoten-Gruppe ausfindig zu machen, zu entfernen und auf Krebszellen zu testen. Zum Aufspüren der Wächterlymphknoten-Gruppe werden zwei Verfahren genutzt: erstens eine Injektion des Farbstoffs Patentblau in die unmittelbare Umgebung des Tumors während der Brustoperation, zweitens drei bis 18 Stunden vor der Operation die Injektion eines schwach radioaktiven Eiweißpräparates unter die Haut um die Brustwarze herum. Im ersten Fall findet man den "Wächter" während der Operation über den blauen Farbstoff. Mit dem zweiten Verfahren, der radioaktiven Markierung, lässt sich die gesuchte Wächterlymphkotenstation bereits vor der Operation mittels einer Sonde aufspüren. So kann die Stelle des Hautschnittes exakt lokalisiert werden, dieser fällt damit deutlich kleiner aus. Das verwendete radioaktive Technetium ist ein zur Darstellung von Lymphwegen zugelassenes Medikament mit einer Strahlenbelastung pro Untersuchung, die der natürlichen Umgebungsstrahlenbelastung während zweier (Lebens-) Monate entspricht.
An der Universitäts-Frauenklinik Tübingen wurde eine Studie durchgeführte, bei der sich über 130 Frauen sowohl dem Wächterlymphknoten-Verfahren als auch der axillären Lymphonodektomie unterzogen. Dabei zeigt sich, dass bei über 10 % aller Operationen die befallene Lymphknotengruppe gar nicht gefunden worden wäre, wenn nicht zuvor eine Markierung erfolgt wäre. Das heißt, bei der bisher durchgeführten Lymphknotenentfernung hätte es sein können, dass der befallene Wächterlymphknoten nicht gefunden worden wäre, sondern nur die nicht befallenen restlichen Lymphknoten in der Achselhöhle. Für Prof. Wallwiener gehört deshalb die Markierung der Wächterlymphknotengruppe zu jeder Brustoperation dazu.
"Vor allem bei großen Karzinomen über 2 cm, oder solchen mit mehreren Herden ...", so Wallwiener, "... ist dennoch Vorsicht angebracht. Hier ist es wahrscheinlicher, dass die Tumorzellen auf Grund ihrer Ausdehnung sowohl die Oberflächliche als auch die tiefe Schicht des Lymphsystems in der Brust benutzen, so könnten die Tumorzellen den axillären Wächterlymphknoten einfach überspringen".
Noch mit Sicherheitsnetz
Deshalb wird das Wächterlymphkoten-Verfahren in der Frauenklinik im Moment bei diesen Konstellationen lieber noch mit Sicherheitsnetz eingesetzt, nämlich in Kombination mit einem deutlich eingeschränkten und damit schonenderen axillären Eingriff: Wenn die Wächterlymphknotengruppe im Schnellschnitt keine Belastung zeigt, beschränkt sich der Operateur auf die Entfernung von max. zehn Lymphknoten in unmittelbarer Nähe des "Wächters". Bei positivem Ergebnis müssen wie bisher alle Lymphknoten in der Achselhöhle ausgeräumt werden. Wallwiener Fazit: "Die Wächterlymphknoten-Technik ersetzt zwar die axilläre Lymphonodektomie im Moment noch nicht sie macht aber ein verfeinertes, dem Fall angemessenes, Vorgehen möglich und sollte deshalb alle operativen Mammakarzinom-Therapien vervollständigen."
Bei Tumoren, die nicht größer als 2 cm sind und wenn weder im Ultraschall noch bei der Tastuntersuchung Lymphknoten in der Achselhöhle zu finden sind, dann führen die Brustspezialisten der Tübinger Frauenklinik das alleinige Wächterlymphknoten-Verfahren durch. D. h. ist im Schnellschnitt während der Operation die Wächterlymphknoten-Gruppe nicht befallen, werden auch keine weiteren Lymphknoten entfernt.
Dieses Verfahren entspricht der neusten Konsensusempfehlung zur qualitätsgesicherten Anwendung der Sentinel-Node-Biopsie (SNB), die die Deutsche Gesellschaft für Senologie, deren Vorsitzender Prof. Wallwiener ist, im Oktober 2003 verabschiedet hat. Prof. Wallwiener: " Dieses Verfahren verbessert die Lebensqualität der Frau entscheidend. Weltweit gewinnt diese Methode zunehmend an Bedeutung. Für die erkrankten Frauen hat sie einen Stellenwert der vergleichbar ist mit der Einführung der brusterhaltenden Therapie (BET) vor 20 Jahren".
Quelle: nach einer Pressemitteilung vom 4.10.02 aus dem Schwäbischen Tagblatt
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