22.11.2019 | 2018

Gibt es ein Sexualleben nach der Brustkrebserkrankung?

Univ.-Prof. Dr. med. Annette Hasenburg, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Geburtshilfe und Frauengesundheit Mainz, Leiterin der ESGO Task Force Psychoonkologie, Vorstand ISG (Informationszentrum Sexualität und Gesundheit), Universitätsklinikum Freiburg

Angesichts der existenziellen Bedrohung einer Karzinomerkrankung konzentrieren sich Patientinnen zunächst auf die notwendige Therapie und die damit verbundenen Einschränkungen. Fragen nach der anstehenden Diagnostik, Therapie und den Überlebenschancen stehen im Vordergrund. Bisherige Lebenspläne und Träume werden infrage gestellt. Sexualität ist weder für die betroffenen Frauen noch für uns Ärzte zu diesem Zeitpunkt ein Thema. Nach Abschluss der Behandlung und Rückkehr in den Lebensalltag werden sexuelle Wünsche sowie krankheits- und therapiebedingte Beeinträchtigungen wieder wichtiger. Einschränkungen der Sexualität können für die Betroffenen eine signifikante Beeinträchtigung der Lebensqualität, ihres Selbstwertgefühls und der Zufriedenheit in der Paarbeziehung zur Folge haben.

Nach einer Mastektomie ist das Risiko für eine sexuelle Dysfunktion nicht höher als nach einer brusterhaltenden Operation. Trotzdem leiden Frauen zum Teil unter Dysästhesien im Bereich der Narben oder fühlen sich in ihrem Körperbild beeinträchtigt. Dabei gibt es bei Frauen mit einem Mammakarzinom einen klaren Zusammenhang zwischen gestörtem Körperbild und sexueller Funktion. Neben der Operation können auch die neoadjuvante oder adjuvante Chemotherapie, eine Radiatio, Antikörpertherapien oder antihormonelle Behandlungen mit ihren Folgen auf die Hormonproduktion oder Nebenwirkungen wie dem Fatigue-Syndrom oder einer Alopezie die körperliche Leistungsfähigkeit sowie die Libido und somit das sexuelle Erleben beeinflussen.

Für Ärzte, die Patientinnen mit Malignomen behandeln, muss die Erhebung sexueller Probleme genauso wichtig sein wie die anderer krankheitsspezifischer Beeinträchtigungen. Eine diesbezügliche Beratung sollte Frauen aller Altersgruppen sowie homo- und heterosexuellen Paaren angeboten werden. Wir Ärzte haben eine Vorbildfunktion. Wenn wir unsere Patientinnen auf sexuelle Probleme ansprechen, zeigen wir, dass wir Sexualität als einen selbstverständlichen Teil der Lebensqualität betrachten.

Wie für alle Frauen gilt für die Krebspatientin, dass sich eine befriedigende Sexualität positiv auf das seelische und körperliche Wohlbefinden auswirkt. Eine adäquate Wiederherstellung körperlicher Intimität kann die Lebenszufriedenheit erheblich verbessern und die Ausbildung sekundärer Ängste verhindern. Die frühzeitige Information beugt der Entstehung chronifizierter sexueller Störungen vor. Dazu braucht es Ärzte mit ausgebildeten kommunikativen Fähigkeiten, die den Einfluss der Erkrankung und die Therapienebenwirkungen auf die Sexualität ihrer Patientinnen kennen sowie die Bedürfnisse dieser verstehen und besprechen können. Durch offene Fragen wie z.B.: „Hat sich in Ihrer Partnerschaft etwas verändert?“ erhält die Patientin die Möglichkeit, ihre Probleme zu schildern oder das Thema rasch zu beenden.

Nach Abschluss der Therapie schafft die bewusste Konfrontation mit der körperlichen Veränderung eine beeinflussbare Wirklichkeit. Medizinische Hilfe kann angeboten werden durch Protheseneinlage oder Wiederaufbau nach einer Ablatio mammae, durch die Verwendung von Vaginaldilatatoren und Gleitgel, durch das Angebot von Sport, Akupunktur oder Hypnose sowie nach entsprechender Aufklärung durch eine lokale Applikation von Hormonen.

Eine lebensbedrohliche Erkrankung betrifft nicht nur die Patientin, sondern auch ihren Partner/ihre Partnerin. Dies kann zu Rollen- und Paarkonflikten führen. Die Patientin sollte deshalb zur Kommunikation über ihre Wünsche, Fantasien und Schwierigkeiten ermutigt werden und es ist sinnvoll, die Partner frühzeitig in Gespräche einzubeziehen, um ihre Ängste und Probleme zu erfragen und Hilfestellungen anzubieten. Die Erkrankung kann dann genutzt werden, um gemeinsam zu wachsen und der Partnerschaft neue Bedeutung zu geben. Unterschiede in der Lebensgeschichte, individuellen Erfahrungen und dem kulturellen Kontext müssen dabei berücksichtigt werden. Der Patientin sollte verdeutlicht werden, dass jede Krise eine Chance bedeutet, die durch persönliches, phantasievolles Experimentieren eine Entwicklung ermöglichen kann. Mein wichtigster Tipp an meine Patientinnen: „Genießen Sie ihr Leben, setzen sie Schwerpunkte für Menschen und Aktivitäten, die Ihnen wirklich wichtig sind“.

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Kontakt:

Univ.-Prof. Dr. med. Annette Hasenburg
Direktorin der Klinik und Poliklinik für Geburtshilfe und Frauengesundheit 
Langenbeckstr. 1
55131 Mainz
E-Mail: annette.hasenburg@unimedizin-mainz.de 
Internet: www.unimedizin-mainz.de/frauenklinik/