22.11.2019 | 2019

Immuntherapie als neuer Ansatz für die Behandlung von Brustkrebs

Prof. Dr. med. Volkmar Müller, Stellvertretender Klinikdirektor, Klinik und Poliklinik für Gynäkologie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Es ist schon länger bekannt, dass sich Krebszellen vor dem Immunsystem „verstecken“, indem sie Signale aussenden, die Immunzellen bremsen. Diese Signale zur Unterdrückung des Immunsystems sind im gesamten Körper wichtig, damit das Immunsystem nicht körpereigene Zellen angreift. Man bezeichnet Regulatoren, die über solche Signale gesteuert werden, als „Immun-Checkpoints“. In den letzten Jahren ist es gelungen, Antikörper zu entwickeln, die als onkologische Therapie hier ansetzten. Sogenannte Checkpoint-Inhibitoren heben die Blockade auf und machen Tumorzellen wieder für das Immunsystem „sichtbar“. Dieses Therapieprinzip funktioniert bei bestimmten Tumorerkrankungen wie Hautkrebs oder Lungenkrebs schon sehr gut und Checkpoint-Inhibitoren sind hier schon ein Standard in der Therapie geworden.

Für Patientinnen mit einem Mammakarzinom lagen bislang nur sehr kleine Studien vor, die Zeichen einer Wirksamkeit anzeigten. Ergebnisse größerer Studien standen noch aus. Nun sind Ende letzten Jahres Ergebnisse aus einer großen Studie mit dem Medikament Atezolizumab vorgestellt worden. Bei diesem Medikament handelt es sich ebenfalls um einen Checkpoint-Inhibitor. Es ist ein Antikörper, der an einen Eiweißstoff namens PD-L1 auf den Tumorzellen bindet. PD-L1 hemmt die Aktivität von bestimmten Immunzellen, den T-Zellen. In der Studie „Impassion 130“ wurden Frauen mit einem sogenannten tripelnegativen Brustkrebs (das heißt nicht hormonempfindlich und auch nicht positiv für HER2) als ersten Behandlungsschritt von Metastasen entweder mit Chemotherapie alleine oder zusätzlich mit dem Antikörper behandelt. Bei den rund 40 % Frauen, deren Immunzellen spezielle Eigenschaften aufwiesen (PD-L1 positiv) konnte gezeigt werden, dass die Zeit bis zum Voranschreiten der Erkrankung durch die zusätzliche Gabe des Antikörpers deutlich verlängert wurde. Noch vielversprechender sind Ergebnisse, die darauf hindeuten, dass Frauen mit der zusätzlichen Antikörpergabe auch länger gelebt haben. Dies sind allerdings noch vorläufige Analysen, eine endgültige Auswertung der Daten wird noch etwas Zeit benötigen.

Die bereits vorliegenden Daten haben die amerikanische Zulassungsbehörde FDA dazu bewogen, eine Zulassung für das Medikament in dieser Indikation auszusprechen. Mit einer Zulassung in Europa ist ebenfalls zu rechnen somit wird es hier eine neue Therapieoption für eine Untergruppe der tripelnegativen Patientinnen geben. Eine gewisse Sorge bereiteten im Vorfeld der Studie die möglichen Nebenwirkungen des Medikaments. Durch die Aktivierung des Immunsystems kann es bei allen Medikamenten aus der Gruppe der Checkpoint-Inhibitoren auch zu Reaktionen des Immunsystems gegen körpereigenes Gewebe kommen. In der Studie hielten sich die Nebenwirkungen von Atezolizumab allerdings in Grenzen. Bei einem Teil der Frauen kam es zu einer Unterfunktion der Schilddrüse. Schwerwiegende, also lebensbedrohliche Nebenwirkungen traten nicht auf.
Eine Reihe anderer Substanzen mit ähnlichen Ansätzen sind in der klinischen Erprobung und mehrere große Studien haben bereits die Behandlung von Patientinnen abgeschlossen. Der Antikörper Pembrolizumab ist in zwei Studien für die Behandlung von Frauen mit Metastasen untersucht worden und in einer Studie für die Behandlung von Frauen mit einer frühen Brustkrebserkrankung. Mit den Ergebnissen der Studien aus der metastasierten Situation wird in den kommenden Monaten gerechnet.

Mit der Immuntherapie für Frauen mit Brustkrebs zeichnet sich also ein weiterer Fortschritt in der Behandlung ab. Im Rahmen der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Senologie e. V. (DGS) werden die neuesten Entwicklungen zur Immuntherapie bei Brustkrebs von Experten vorgestellt und diskutiert.

Literatur:

1. Schmid P, Adams S, Rugo HS, Schneeweiss A, Barrios CH, Iwata H, et al. Atezolizumab and Nab-Paclitaxel in Advanced Triple-Negative Breast Cancer. N Engl J Med 2018.
2. https://www.fda.gov/Drugs/InformationOnDrugs/ApprovedDrugs/ucm633065.htm
3. Janni W, Schneeweiss A, Müller V, Wockel A, Lux MP, Hartkopf AD, et al. Update Breast Cancer 2019 Part 2 - Implementation of Novel Diagnostics and Therapeutics in Advanced Breast Cancer Patients in Clinical Practice. Geburtshilfe Frauenheilkd 2019;79(3):268-80.
4. Esteva FJ, Hubbard-Lucey VM, Tang J, Pusztai L. Immunotherapy and targeted therapy combinations in metastatic breast cancer. Lancet Oncol 2019;20(3):e175-e86.

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Prof. Dr. med. Volkmar Müller
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