22.11.2019 | 2019

Lifestyle in der Krebsprävention und -therapie: Hokuspokus oder Realität?

Prof. Dr. med. Wolfgang Janni, Direktor der Frauenklinik, Universitätsfrauenklinikum Ulm (UFK)

Dr. med. Philip Hepp, Leitender Oberarzt, Landesfrauenklinik im HELIOS Universitätsklinikum Wuppertal, Universität Witten/Herdecke

Der Lebensstil von Patientinnen rückt aufgrund gesellschaftlicher Tendenzen, aber auch wegen des immer längeren Überlebens, mehr und mehr in den Mittelpunkt des Interesses. Auch die Forschung widmet sich zunehmend diesem wichtigen Aspekt der Therapie- und Nachsorgebegleitung. Laufend neue Fragen drehen sich heutzutage rund um das Thema Lifestyle und die Möglichkeiten der positiven Einflussnahme auf den weiteren Genesungsprozess durch Änderung der Lebensgewohnheiten. Im Gegensatz zur sonst häufig als passiv empfundenen operativen und medikamentösen Tumortherapie wirkt hier die Patientin selbst aktiv am Genesungsprozess mit.

• Körperliche Aktivität
Es ist wissenschaftlich belegt, dass regelmäßige Bewegung von hohem Nutzen für Brustkrebspatientinnen und auch in der Krebsprävention im Allgemeinen ist. In einer großen Studie konnte ein ganz wesentlicher schützender Effekt in Bezug auf eine Wiederkehr der Erkrankung durch körperliche Aktivität nach der Brustkrebsdiagnose gezeigt werden. Dabei hatten diejenigen Patientinnen den größten Vorteil, die sich zwischen drei und fünf Stunden pro Woche in mittlerem Tempo bewegten. Bei ihnen konnte eine Halbierung der Brustkrebssterblichkeit im Vergleich zur Vergleichsgruppe beobachtet werden.
Die Frage nach dem Wirkmechanismus körperlicher Aktivität auf die Brustkrebserkrankung bleibt unklar. Immer wieder wird behauptet, dass durch Sport die körpereigene Östrogenproduktion reduziert werden könne. Die Studienlage ist hierzu allerdings nicht eindeutig, sodass die genauen Vorgänge noch weiterhin Gegenstand der Forschung sind.
Sicher ist, dass durch körperliche Aktivität das Rezidivrisiko nachweislich (und hoffentlich noch dazu mit Freude und Spaß) wesentlich gesenkt werden kann.

• Körpergewicht
Übergewicht ist in unserer Wohlstandsgesellschaft ein größer werdendes Problem. Auch wenn wir mit einem Anteil schwer übergewichtiger Frauen von rund 16 % noch weit hinter anderen Ländern wie den USA (etwa 36 %) rangieren, so lässt sich auch hierzulande ein deutlicher Trend zur Gewichtszunahme in der Bevölkerung beobachten. Dabei handelt es sich nicht nur um ein ästhetisches Problem: Erkrankungen wie Diabetes, koronare Herzkrankheit und Bluthochdruck sind mit Übergewicht vergesellschaftet und nehmen dementsprechend ebenfalls in dramatischem Ausmaß zu.

Es ist aber auch eine Steigerung des Risikos für Krebserkrankungen bedingt durch Übergewicht und Fettleibigkeit bekannt. Bereits 2003 konnte eine Studie an fast 500.000 Frauen zeigen, dass gesunde Frauen mit massiver Fettleibigkeit ein zweifach erhöhtes Risiko haben an Brustkrebs zu sterben als vergleichbare, allerdings normalgewichtige Frauen. Ob Übergewicht aber auch nach bereits überstandener Erkrankung eine wichtige Rolle für die Prognose der Patientin spielt oder Gewichtsabnahme sogar einen möglichen therapeutischen Ansatzpunkt bieten könnte, ist Gegenstand einer ganzen Reihe aktueller Studienergebnisse. Hierbei zeigt sich einheitlich bei Gewichtszunahme eine Verschlechterung der Prognose von Brustkrebserkrankungen. Über den Nutzen einer Gewichtsreduktion für Brustkrebspatientinnen erwarten uns in den nächsten Jahren spannende Ergebnisse laufender Studien. Eine der größten hierunter – die deutsche SUCCESS C Studie – konnte aus dem San Antonio Breast Cancer Symposium (SABCS) 2018 in einem Hauptvortrag vorgestellt werden. In dieser viel beachteten Studie konnte gezeigt werden, dass eine stringente telefonbasierte Beratung von übergewichtigen Patientinnen mit Tipps zur Verbesserung der Ernährungsgewohnheiten und zur Steigerung der körperlichen Aktivität zu einer signifikanten Senkung des Körpergewichts von ca. vier Kilogramm führen konnte, während Patientinnen in der Kontrollgruppe weiter an Gewicht zunahmen. Patientinnen, die das Lebensstilinterventionsprogramm vollendeten, hatten ein tendenziell niedrigeres Risiko für eine Rückkehr der Erkrankung und einen brustkrebsassoziierten Todesfall.

• Alkohol
Alkohol steigert erwiesenermaßen das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Es gibt aber auch Hinweise, dass durch Alkoholkonsum das Risiko steigen könnte, nach erfolgreich behandeltem Brustkrebs erneut zu erkranken. Sicher ist, dass ein übermäßiger Alkoholgenuss auf jeden Fall schädlich ist, aber gegen ein gelegentliches, kleines Gläschen – etwa zum Abendessen – ist nichts einzuwenden. Auch hier gilt – die Dosis macht das Gift: Zurückhaltender Genuss kann mehr Freude machen und ist ungefährlich.

• Nikotin
Alleine schon wegen seiner vielfältig krankheitsfördernden Wirkungen sollte jedem Menschen vom Rauchen abgeraten werden. Das gilt selbstverständlich und gewissermaßen insbesondere bei Brustkrebspatientinnen, denn wie in Studien nachgewiesen wurde, besteht ein direkter Zusammenhang zwischen der Anzahl der täglich gerauchten Zigaretten und der Sterblichkeit.

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Kontakt:

Prof. Dr. med. Wolfgang Janni
Direktor der Frauenklinik
Universitätsfrauenklinikum Ulm (UFK)
Prittwitzstr. 43
89075 Ulm
E-Mail: wolfgang.janni@uniklinik-ulm.de
Internet: www.uniklinik-ulm.de/frauenheilkunde-und-geburtshilfe.html

Dr. med. Philip Hepp
Leitender Oberarzt
Landesfrauenklinik im HELIOS Universitätsklinikum Wuppertal
Universität Witten/Herdecke
Heusnerstr. 40
42283 Wuppertal
E-Mail: kontakt@dr-hepp.de
Internet: www.helios-kliniken.de/wuppertal