22.11.2019 | 2017

Mammografie-Screening – 20 Prozent weniger fortgeschrittene Tumorstadien und häufigere Entdeckung von aggressiven Brustkrebsvorstufen

Univ.-Prof. Dr. med. Walter Heindel, Direktor des Instituts für Klinische Radiologie und Leiter des Referenzzentrums Mammografie am Universitätsklinikum Münster

Krebs ist vor allem eine Erkrankung des Alters. Früherkennung von Krebserkrankungen gewinnt deshalb in älter werdenden Gesellschaften immer mehr an Bedeutung. In Deutschland ist sie fester Bestandteil des Nationalen Krebsplans. Nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Senologie (DGS) e.V. und vieler anderer nationaler und internationaler Fachgesellschaften hat die Brustkrebs-Früherkennung erhebliche Bedeutung zur Bekämpfung der Brustkrebssterblichkeit.

„Trotz aller Fortschritte in der Therapie sterben jedes Jahr in Deutschland mehr als 17.500 Frauen an einem Mammakarzinom. Der Brustkrebs stellt für Frauen immer noch das größte Risiko vorzeitigen Todes durch eine Tumorerkrankung dar. Deshalb ist und bleibt das Mammografie-Screening eine tragende Säule im Kampf gegen die bösartige Erkrankung“, sagt Prof. Dr. Walter Heindel.

Der Direktor des Instituts für Klinische Radiologie und Leiter des Referenzzentrums Mammografie am Universitätsklinikum Münster verweist auf zwei bedeutende aktuelle Studien aus Deutschland (1,2): Im größten Bundesland Nordrhein-Westfalen konnte mithilfe des Landeskrebsregisters sowohl innerhalb des Mammografie-Screenings bei regelmäßig teilnehmenden Frauen als auch bevölkerungsbezogen eine Abnahme beim Neuauftreten fortgeschrittener Tumorstadien in den Zielgruppen 50 bis 69 Jahren festgestellt werden. „Diese nachgewiesene Reduktion fortgeschrittener Tumorstadien von insgesamt 20 Prozent lässt eine relevante Verminderung der Brustkrebssterblichkeit in ganz Deutschland dank Mammografie-Screening erwarten“, betont Heindel, einer der Studienautoren.

Eine weitere Studie, deren Ergebnisse auf der diesjährigen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Senologie vorgestellt werden, ist einer der wichtigsten Fragen im Zusammenhang mit dem Mammografie-Screening nachgegangen. Werden durch das Brustkrebs-Früherkennungsprogramm nur „harmlose“ Tumorstadien entdeckt, während die aggressiveren Brustkrebsvorstufen unerkannt bleiben? Heindel: „Wir konnten in der Analyse von 733.905 Screening-Untersuchungen aus Nordrhein-Westfalen nachweisen, dass durch digitales Mammografie-Screening mit zunehmendem Alter immer häufiger biologisch relevante, also schneller wachsende und aggressivere Brustkrebsvorstufen (DCIS) entdeckt werden und durch diese Vorverlagerung der Diagnose ein Therapievorteil eintritt.“

Mammografie-Screening – Paradebeispiel qualitätsgesicherter und evidenzbasierter Früherkennung

Das deutsche Mammografie-Screening-Programm zur Früherkennung von Brustkrebs gilt als Paradebeispiel qualitätsgesicherter und evidenzbasierter Medizin. Es wird inzwischen zum Vorbild für andere Präventionsprogramme in Deutschland.

Eine Reihe von Alleinstellungsmerkmalen zeichnet das Mammografie-Screening aus: Jede teilnahmeberechtigte Frau erhält eine persönliche Einladung zur Früherkennungsuntersuchung. Eine evidenzbasierte Aufklärungsbroschüre ermöglicht, sich informiert für oder gegen eine Screening-Teilnahme zu entscheiden. Jede Frau sollte aus ihrer persönlichen Sicht die Vorteile der Screening-Untersuchung (u. a. Teilnehmerinnen sterben seltener an Brustkrebs, bei einer Erkrankung ist anstatt einer Entfernung der Brust häufiger eine brusterhaltende Operation möglich und seltener eine Chemotherapie notwendig) gegen die Nachteile (u. a. Diagnose und Therapie ohne Nutzen, sogenannte Überdiagnosen und -therapien, sind häufiger, psychische Belastung durch falsch-positive Befunde) abwägen. „Jede Frau kann vor der Untersuchung zudem ein persönliches ärzt-liches Beratungsgespräch in Anspruch nehmen“, ergänzt Heindel.

Besonderheiten der Qualitätssicherung

Im deutschen Screening-Programm werden ausschließlich digitale Mammografie-Systeme eingesetzt. Zum Schutz der Frauen erfolgt an jedem Arbeitstag bundesweit eine physikalisch-technische Qualitätssicherung der angewandten Röntgentechnologie. „Im Mammografie-Screening haben Frauen bei der Mammografie-Erstellung zwar keinen Kontakt zum Arzt, profitieren aber bei der Befundung der Bilder von einer besonderen Qualitätssicherungsmaßnahme“, sagt Heindel. Denn das Vieraugenprinzip durch besonders qualifizierte, unabhängige Ärzte („Doppelbefundung“) und im Bedarfsfall eine weitergehende Beurteilung durch Drittmeinung („Konsensuskonferenz“) sind bei jeder Untersuchung verpflichtende Vorgabe. Heindel: „Spätestens bei der Abklärung haben Frauen natürlich den Kontakt zum Arzt. Denn auffällige Befunde im Mammogramm werden individuell durch eine persönliche Untersuchung abgeklärt.“ Dabei wird entschieden, ob mammografische Zusatzaufnahmen bzw. eine Tomosynthese oder ergänzende Ultraschall- oder MR-Untersuchungen bis hin zu einer bildgesteuerten Gewebeentnahme (Biopsie) notwendig werden. Transparenz durch regelmäßige Dokumentation und Auswertung aller Schritte des Früherkennungsprogramms kennzeichnet das gesamte Mammografie-Screening (3,4).

„One of the best programs in Europe"

Das deutsche Mammografie-Screening erfüllt alle wesentlichen Qualitätsanforderungen der EU-Guidelines (z. B. Brustkrebsentdeckungsrate, Rate der Intervallkarzinome). Dementsprechend fiel auch das Feedback der Vertreter der European Reference Organisation for Quality Assured Breast Screening and Diagnostic Services (EUREF) anlässlich ihrer Visitation der Referenzzentren für Mammografie aus: „Prof. Holland compliments the excellent structure of the German mammography screening program. The program seems to be one of the best in Europe due to its excellent quality and quality management.“

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Literatur:

1. Trends in advanced breast cancer incidence rates after implementation of a mammography screening program in a German population Alexandra Simbrich, Ina Wellmann, Jan Heidrich, Oliver Heidinger, Hans-Werner Hense
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1877782116300923

2. Digital Mammography Screening: Does Age Influence the Detection Rates of Low-, Intermediate-, and High-Grade Ductal Carcinoma in Situ? Weigel S, Hense HW, Heidrich J, Berkemeyer S, Heindel W, Heidinger O
http://pubs.rsna.org/doi/10.1148/radiol.2015150322?url_ver=Z39.88-2003&rfr_id=ori%3Arid%3Acrossref.org&rfr_dat=cr_pub%3Dpubmed&

3. Jahresbericht Qualitätssicherung 2014 Deutsches Mammografie-Screening-Programm – Kooperationsgemeinschaft Mammografie
http://fachservice.mammo-programm.de/publikationen-und-stellungnahmen#qualitaetsberichte

4. Jahresbericht Evaluation 2014 Deutsches Mammografie-Screening-Programm – Kooperationsgemeinschaft Mammografie
http://fachservice.mammo-programm.de/download/fachpublikation/KOOPMAMMO_Jahresbericht_EVAL2014_20161206_klein_2.pdf

Kontakt:

Univ.-Prof. Dr. med. Walter Heindel
Direktor des Instituts für Klinische Radiologie
und Leiter des Referenzzentrums Mammografie
am Universitätsklinikum Münster
Albert-Schweitzer-Campus 1, Gebäude A1
48149 Münster
E-Mail: heindel@uni-muenster.de
Internet: www.radiologie-ms.de und www.referenzzentrum-ms.de